Detailinformationen
SCHLEE, Thomas Daniel - Körper in Cafés. Fünf Szenen op. 69 für hohe Stimme, Flöte, Fagott und Klavier auf Gedichte von Robert Gernhardt (2007) < zurück
Titel: Körper in Cafés. Fünf Szenen op. 69 für hohe Stimme, Flöte, Fagott und Klavier auf Gedichte von Robert Gernhardt (2007)

- auch Version Stimme und Klaviertrio (2014)


Dauer: 14'
Bestellnr.: 08 848 (Flöte-Fagott-Klavier) / 08 849 (Violine-Cello-Klavier)
op.: op. 69
Beschreibung:
 Aus Robert Gernhardts gleichnamigem Gedichtezyklus sind die unterhaltsamen, uns allen bekannte menschliche Schwächen in ironischem Tonfall treffend beschreibenden Szenen entnommen. Milan Turkovic hat sie angeregt, Thomas Angyan hat sie durch einen Auftrag für die Gesellschaft der Musikfreunde ermöglicht. Der Tonfall der Musik wechselt also zwischen Theatralischem und Liedhaftem, breit ist die Palette der Stimmungen und vielfältig die musikalische Ausgestaltung.
 
Das im Sommer 2007 entstandene Werk wird von einer durchaus nicht nüchternen, dabei jedoch ernüchternden Szene um einen „wirklich guten Mann“ eröffnet, der mittels Inserat die Begegnung mit „der wirklich schönen Frau“ herbeizuführen hofft. Man ahnt, daß dies nur scheitern kann. Auch die Musik schafft eine Atmosphäre mitunter banger Erwartung, stets an das Titel-Wort „da“ geknüpft, bis in der Codetta der Traum in einer Scherzogeste platzt. Das Fließen des Alltags ist in den Instrumenten wahrnehmbar, wenn dann (doch) „die Lust kommt“, man für sie aber keine Zeit findet. Die liedhafte Sanftheit der Musik ist trügerisch, was durch die rhythmisch verschobenen Oktavengänge im Klavier mit quälend sanfter Insistenz spürbar wird. Die unwiderstehliche Assoziation (oder ist es die Assoziation des Unwiderstehlichen?), die sich auch im beginnenden 21. Jahrhundert bei einem langsamen Walzer einstellt, bildet das akustische Ambiente des köstlichen Scheiterns zweier Menschen aufgrund moderner Sprachverwirrung („Als sich die Party auflöste“). Man würde so gerne, wenn da nicht die Worte wären -„aber wir haben ja nur diese“ (Arthur Schnitzler). Natürlich spielt sich die peinsame Beziehungskrise in „Immer dasselbe“ vor dem Hintergrund eines eiligen Ostinatos ab. Erst die diese Szene kommentierende Sentenz Robert Gernhardts findet wieder zum, diesmal bewegten, ironisch-heiteren Walzertakt. Die abschließende „Nacht der deutschen Dichter“ wird von Gernhardt selbst als „Thema mit Variationen“ bezeichnet. So wie der frech mit Doppeldeutungen von Dichternamen spielende Text auf das wohlbekannte Weihnachtslied nur anspielt, bleibt auch dessen Melodie stets lediglich angedeutet, verdeckt und erscheint von Strophe zu Strophe in eine neue Gestalt gegossen, verteilt über Singstimme und Instrumente, wobei der typische pastorale Rhythmus jedoch immer wieder zu vernehmen ist. Die bisher ausgesparte Schlußwendung des Liedes erklingt erst in den letzten Takten in Flöte und Fagott, nachdem alle gegangen sind…
 
Thomas Daniel Schlee
 
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Die Anderen sind wir
 
Thomas Daniel Schlee vertont Robert Gernhardt („Körper in Cafés“)
 
Petra Haiderer in der Zeitschrift MUSIKFREUNDE, April 2008
 
Ob für die „wirklich schöne Frau“ oder die Crux mit der Lust, ob für die laszive Tändelei oder das verschmitzt-intellektuelle Wortspiel – Thomas Daniel Schlee findet für seine „Körper in Cafés“ in jeder Situation den richtigen Ton. Einige Aperçus des Komponisten zur Uraufführung.
 
Körper in Cafés zählen in Wien zum Lebensgefühl. Um mit dem Komponisten Thomas Daniel Schlee über seine Fünf Szenen nach Texten von Robert Gernhardt zu sprechen, eignet sich daher nichts besser als ein Wiener Café. Ein ruhiger Tisch fern vom Eingang, der Blick gleitet über die „Körper“ im Lokal, ein großer Mokka, ein Caffè Latte – das Gespräch selbst wird zur Szene.
 
Gedichte und Geschichte
„Gernhardts Gedichte erzählen eine Geschichte“, nimmt Thomas Daniel Schlee das Erzählen auf. „Es beginnt mit einer ganz alltäglichen Situation. Ein Mann sitzt im Kaffeehaus. Der ‚wirklich gute Mann‘ sucht die ‚wirklich schöne Frau‘. Er erwartet die Damen, die seine Annonce beantwortet haben. Der musikalische Aufbau schmiegt sich eng an das Wort, um das sich alles in diesem ersten Text dreht: DA!“
 
Dann das zweite Lied, „Die Lust kommt“ … Amusement schwelt in der Stimme des Komponisten, als er in seiner Erzäh-lung fortfährt. „Über die Lust – etwas so Elementares, oft Herbeigesehntes – so bürokratisch zu berichten, wie es Gern-hardt hier tut, ist nicht zu überbieten. Nach dem musikalisch Zerklüfteten des ersten Stückes passt das zweite ganz in die gebundene Liedform. Der relativen Illusionslosigkeit der Betrachtung im Text habe ich einen musikalischen Kontrapunkt gegenübergestellt. Das Klavier spielt Oktavengänge, die gegen den Rhythmus gehen, dadurch entsteht subkutan etwas Bedrohliches. Erst ganz am Schluss – ‚erst als sie wegblieb, blieb mir für sie Zeit‘ – gibt es einen kleinen Moment fürs Theater.“
 
Zu mir oder zu dir?
Das lustvolle Szenario erfährt in „Als sich die Party auflöste“ einige kommunikative Irritationen. Musikalisch stand für Thomas Daniel Schlee außer Frage: „Das ist ein langsamer Walzer. Es geht nicht anders.“ Als klinge die Musik im Geiste an, fügt er hinzu: „Es ist herrlich. Man muss am langsamen Walzer nur anstreifen, und schon steht die Atmosphäre des Geschehens im Raum.“ Die pikante Szene um die Frage „Gehen wir zu dir oder zu mir?“ spielt sich auf Englisch ab und erhält besonderen Reiz durch die absurden Missverständnisse zwischen Native Speaker und Fremdsprachenneuling. Doch damit nicht genug: „Es ist nicht klar, wer der Mann und wer die Frau ist“, sagt Thomas Daniel Schlee, „die Dialoge folgen schnell aufeinander. Die Unterscheidung erfolgt mittels Sprechgesang und cantablem Gesang des Native Speaker, mit einer Spur von Melancholie.“
 
Die Liebeswirren der Singstimme hat Schlee mit reichhaltigen instrumentalen Assoziationen unterlegt. „Die Instrumente liefern Hinweise, damit der Hörer das Geschehen besser zuordnen kann. Das Fagott spielt die Bassgänge des langsa-men Walzers, während die Flöte die kleinen Kommentare mit Flatterzunge verzerrt. Im Klavier liegen ganz zart angedeu-tet Harmonien, wie wir sie aus der gehobenen Unterhaltungsmusik kennen.“
 
Vom Knisternden zum Knirschenden
Doch letztlich ist es „Immer dasselbe“: Das knisternde Tête-à-tête wandelt sich zum knirschenden; es wird gestritten – vor dritten. Musikalische Form: „Ein Ostinato-Scherzo, das auf einer Figur beruht, die metrisch ausgeweitet und durch Transpositionen geschickt wird. Die Musik ändert sich ununterbrochen und ist doch immer das Gleiche.“ In dem Augen-blick als „das Wort zur Waffe“ sich wandelt, kommt die Musik zum Stillstand – um danach mit dem Walzer der zuvor „aufgelösten Party“ einen musikalischen Rückblick auf die Chronologie des Geschehens zu werfen. „Das ist so wie bei Wilhelm Busch die Moral von der Geschicht’“, zwinkert Schlee.
 
Gnadenloser Witz, herrlicher Kontrast
Ein ernstes kompositorisches Problem stellte Robert Gernhardts „Nacht der deutschen Dichter“ dar, ein vergnügliches assoziatives Wortspiel mit bekannten Autoren, eingebettet in den variierten Refrain „Stille Nacht, heilige Nacht“. „Ein musikalisches Zitat verbietet sich, das würde alles ruinieren,“ ist der Komponist strikt. „Das Thema ist angedeutet, weil natürlich alle darauf warten, aber es kommt nicht genau. Es ist umspielt, wandert von Instrument zu Instrument oder von Instrument zur Stimme.“ Das Lächeln, das Schlee in Mund- und Augenwinkeln sitzt, bricht vollends hervor. „Erst am Schluss, wenn wir erfahren, dass Stefan Heym gegangen ist, antworten Flöte und Fagott erkennbar. Erst dann hat sich Schlee aus der Deckung getraut.“
 
Am Schluss seiner „Fünf Szenen für hohe Stimme, Flöte, Fagott und Klavier“ delektiert sich der Komponist besonders. „Ich mag, dass so viel zusammenkommt. Es ist natürlich ein unschicklicher Pennälerspaß. Was Gernhardt macht, ist aber sehr schön. Der gnadenlose Witz um ihre Namen steht in herrlichem Kontrast zu den Ambitionen der angesprochenen Literaten. Für die Musiker kommt noch hinzu, dass die liebliche pastorale Weihe des Liedes in ganz eigenwilligem Ge-gensatz zum ‚deutschen‘ Titel steht.“
 
Die Gedichte des im Juni 2006 verstorbenen Robert Gernhardt genießt Schlee als Texte aus dem Leben. Wer mit Gern-hardt lacht, lacht letztlich über sich selbst – und wohl dem, der es so wissend und genüsslich tut wie Schlee. „Es ist damit der Nachweis geführt“, sagt der Komponist und nimmt einen letzten Schluck Mokka, „dass ‚die Anderen‘ wir alle sind.“
 
 
URAUFFÜHRUNG:  23. April 2008 im Wiener Musikverein, mit Ildikó Raimondi - Sopran, Matthias Schulz - Flöte, Milan Turkovic - Fagott, Charles Spencer - Klavier
 
 
 
 
 
 

Rezension:
 “(…)Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand die Uraufführung von Thomas Daniel Schlees Szenenfolge ‚Körper in Cafés‘ op. 69, das auf Gedichten Robert Gernhardts basiert. Dem unikalen Humor des sprachgewaltigen Dichters setzte Schlee subtil-witziges, ebenso eloquentes, geradezu spitzbübisches musikalisches Material gegenüber. Die virtuose Verbindung aus beidem ergab eine der ersprießlichsten zehn musikalischen Minuten der letzten Jahre. (…)“
 
(Markus Hennerfeind, WIENER ZEITUNG 25.4.2008)
 
„Ein schillernder Abend über Zweisamkeit: Zentral waren Thomas Daniel Schlees neue Szenen ‚Körper in Cafés‘. Die Texte Robert Gernhardts bringen den ‚knisternden Alltag‘ köstlich ans Licht, Schlee hat die Musik zur feinsinnigen Begleitung als zwinkernden Kommentar geformt. Wer könnte sich das Schmunzeln verkneifen, wenn die Musik den Grad der Schönheit dreier Frauen beredt formuliert, die zum Treffen mit dem ‚wirklich guten Mann‘ der Kontaktannonce erscheinen. Auch dass ‚die Lust kommt‘, wenn sie am wenigsten zu brauchen ist, kleidet der Komponist in nonchalante Töne, und in ‚erst als sie wegblieb‘ klingt die (erheiternde) Dramatik an, die sich im langsamen Walzer eines sich anbahnenden One-Night-Stands (‚Als sich die Party auflöste‘) durch pikante Sprachschwierigkeiten der Beteiligten großartig steigert. Rhythmisch anspruchsvoll zeigt sich ein Disput, bevor die ‚Nacht der deutschen Dichter‘ musikalisch geistreich um die ‚Stille Nacht‘ kreist, voller (Klang)Werben, ohne dem berühmten Vorbild je zu nahezutreten.“
(Petra Haiderer, DER STANDARD 26./27.4.2008)
 
Notenausgabe:
Imaginäre Szenen, kunstvoll auskomponiert, über Texte von Robert Gernhardt zwischen Komik und Ernst. Auch Versionen mit Violine und Cello möglich. Fünf durchkomponierte Nummern, lebhafte, sprachnahe Deklamation, polyphon konzipierter Instrumentalsatz. Geistreiche und kongeniale Vertonung der abgründigen Texte von Gernhardt.
(Max Nyffeler, NMZ 2/2012)