Detailinformationen
BISCHOF, Rainer - Wozu? Deshalb! für Orchester (2010) < zurück
Titel: Wozu? Deshalb! für Orchester (2010)
Dauer: 16'
Bestellnr.: Aufführungsmaterial leihweise
instr.: 2, Altfl., 2, Eh., 2, Basskl., 2, Kontrafg. - 4 (2 Tenortb.), 4, 4, 1 - Pk., Schl. - Str.
Beschreibung:
Wozu? – Deshalb! nennt Rainer Bischof sein neuestes Orchesterstück – und verbirgt als Philosoph hinter dem aufmüpfig scheinenden Titel freilich gleich auch wesentliche Gedanken zu seinem künstlerischen Schaffen. „Wider den Zeitgeist“ sei die Partitur gerichtet, erklärt der Komponist – und präzisiert: „Heute muss sich jeder Künstler fragen, warum er seine Tätigkeit überhaupt ausübt. Die Kunst hat heute nicht mehr jene Aufgabe, die sie immer hatte: die Welt zu beleuchten, ihr Inhalte zu geben und sie zu erhellen – so wie das Hermann Broch so unglaublich formuliert hat: ‚Die Verwirklichung des Logos, das ist die religiöse Aufgabe der Kunst.’ Daher stellt sich heute jeder schöpferische Künstler, egal in welchem Bereich, immer wieder die Frage des Wozu. – Es braucht ja keiner dieses Stück von mir“, stellt Bischof verschmitzt fest, „denn wir haben ja Beethoven, Brahms, Schostakowitsch, Bruckner, Mahler – meinen geliebten Schumann nicht zu vergessen. Und dennoch tut man es – warum? Das Wozu? im Titel ist die Frage des Schöpfers als Kontrolle über sein gesamtes Werk – und die Antwort ist: das Stück. Deshalb!“
 
Mit seinem Festhalten an der Dodekaphonie sieht sich Bischof ganz bewusst als Nachfahre der Zweiten Wiener Schule. Zur damit übernommenen künstlerischen Verantwortung gehört für ihn auch die tiefe Verehrung für die klassisch-romantische musikalische Tradition. Auch im Falle von Wozu? – Deshalb! lässt Bischof die Resonanzen, die ein großes Werk der Vergangenheit in ihm hervorruft, in die Gestalt seines eigenen Stücks einfließen: Bruckners 5. Symphonie. Dort wie da sind es Pizzicati im Bass, von denen aus das Geschehen seinen Anfang nimmt. In vier großen Abschnitten wird das Material mittels variativer Durchführungen entwickelt und zahlreichen Wandlungen unterzogen, bei denen immer wieder die für Bischof unerlässlichen, harschen Gegensätze auf engstem Raum für schier berstende Expression sorgen. „Am Schluss mache ich aus den vier Themen des dem ganzen Stück zugrundeliegenden Melodiebogens einen Choral“, verrät der Komponist. Dennoch wird es kein triumphales Ende wie bei Bruckner. Der sich einmal noch zu voller Größe aufrichtende, komplex verknüpfte Zwölfton-Choral sinkt unaufhaltsam zurück. Über leisen Schlägen der großen Trommel und des Tamtams behält ein einsamer Ton der Crotales das letzte, verklingende Wort.

Rezension:
Kritik der Uraufführung am 26.11.2010 im Wiener Musikverein (RSO Wien, Cornelius Meister)
 
Rainer Bischof spielt mit Bruckner und Brahms
„Die einen resignieren, die anderen proben bewusst den Widerstand. Es geht um den Zeitgeist. Rainer Bischof hat der Auseinandersetzung mit diesem Thema sein jüngstes Opus gewidmet. Nirgendwo, so Bischofs Analyse, seien Bruckner und Brahms einander kompositorisch so nahe wie bei deren Fünfter bzw. Dritter Symphonie. Das ist der Ansatzpunkt für Bischofs Werk „Wozu? – Deshalb!“. Gleich Bruckners Fünfter beginnt es mit Pizzicati im Bass und endet ruhig wie die F-Dur-Symphonie von Brahms. Zwischendurch demonstriert der Enkelschüler Arnold Schönbergs – Bischof konzipiert seine Werke streng nach dessen Zwölfton-Regeln – welche spannenden Effekte sich aus dem Mit- und Gegeneinander von vier rhythmisch profilierten Themen gewinnen lassen, ehe sie sich schließlich zu einem Choral zusammenfügen. (…)“
 
Walter Dobner, DIE PRESSE, 29.11.2010