Detailinformationen
LEHMANN-HORN, Markus - Rot ... Konzert für Solo-Percussion und großes Orchester (2010) < zurück
Titel: Rot ... Konzert für Solo-Percussion und großes Orchester (2010)
Dauer: 25'
Bestellnr.: Aufführungsmaterial leihweise
instr.: Orch.: 3 (3 Picc), 3 Ob (Ehr), 3 (Bkl), 2 (Kfg), Kfg - 4, 3, 3, 1 - Pk, Schl (4 Sp) - Hf, Klav (Cel) - Str mind 12, 10, 8, 8, 6
Beschreibung:
„Rot…“ ist kein „richtiges“ Schlagzeugkonzert im herkömmlichen Sinne. Ich habe versucht, nicht nur virtuose Konzertmusik zu schreiben, in der die verschiedenen Instrumente des Solisten der Reihe nach „vorgeführt“ werden, sondern wollte eine Musik schaffen, die eine zwingende Dramaturgie und musikalische Idee jenseits des Konzertgedankens besitzt, dabei aber voll und ganz die Eigenschaften und die Virtuosität des Schlagzeuges fordert. Dabei war mir vor allem der kompositorische Umgang mit dem Phänomen Energie wichtig, weiterhin auch die klanglichen Möglichkeiten der verschiedenen Percussion-Instrumente auszuschöpfen. So werden einige Trommeln möglichst exakt auf eine bestimmte Tonhöhe gestimmt.
Der Begriff „Energie“ ist wesentlich für den ersten Satz „Eine Erregung“. Hierbei ist keine sexuelle Erregung, sondern vielmehr eine im Sinne Thomas Bernhards gemeint (es sei an dieser Stelle sinngebend der Roman „Holzfällen“ genannt); ein, nach kurzer Explosion, latenter Zustand des Pulsierens (hier der Ton G in den geteilten Kontrabässen), der in seiner Bewegung zwar unterschiedliche Energiezustände und Tonstrukturen durchläuft, dabei aber nie in seiner Energie nachlässt. Neben einigen, wie ich denke, so noch nicht geschriebenen Solo-Stellen wie z.B. dem virtuosen übersakralen Röhrenglockensolo, wird der Solist zum energiestiftenden Fokus der Musik bzw. des gesamten Orchesters. Ständige Reaktionen der übrigen vier Schlagzeuger sowie des Klangkörpers prägen die energetische Musik bis hin zum überrollenden Tutti. Der Solist wird häufig gefordert, den ganzen Schlagzeugapparat zu bedienen, aber eben nicht aufgeteilt nach der Beschaffenheit der Instrumententypen, sondern nach musikalischen Erfordernissen.

Der zweite Satz „Déja-vu“ ist ebenfalls untypisch für ein Schlagzeug-Konzert, denn er ist als Adagio geschrieben und beginnt im langsamen Tempo mit gedämpften Pianissimo-Streichern. Unbedingt wollte ich die „leise“ Klanglichkeit des Schlagwerkes, neben seiner Virtuosität, auch in die Musik einfließen lassen und die Sinnlichkeit des Berührens und Schlagens der Percussionsinstrumente erfahrbar machen. Neben weiteren Solostellen für Violine, Kontrabass sowie diversen Piano-Einwürfen gibt es also einige reine Solo-Stellen für Schlagzeug, die dem Solisten große Interpretationsmöglichkeiten (und zuletzt: Improvisationsmöglichkeiten) bieten. Im Verlauf des Satzes kommt der beginnende Erregungszustand sukzessive wieder in die Musik zurück, um sie gegen Ende wieder vollends zu erobern.

Markus Lehmann-Horn, August 2010

Rezension:

"Dem Schlagzeuger Alexej Gerassimez ist es mit einem fulminanten Auftritt in einem Abonnementkonzert der Radiophilharmonie gelungen, seinen berühmten Kollegen vergessen zu machen. Der 26-jährige interpretierte die ursprünglich für Martin Grubinger geschriebene Uraufführung von Markus Lehmann-Horns Konzert für Solo-Percussion und großes Orchester namens ‚Rot…‘ mit einer Mischung aus Virtuosität, ja manchmal fast schon artistischer Akrobatik und Eleganz, die das Publikum am Ende zu Beifallsstürmen hinriss. Dabei hatte der 1977 geborene Komponist Lehmann-Horn in seinem Werk eine ganze Batterie von Schlagzeug-Instrumenten auf der Bühne vorgeschrieben – neben einem metallisch klingenden Vibrafon und den hoch aufragenden Röhrenglocken gibt es Trommeln, Pauken, Bongos, Congas,  drei verschieden große Becken, ein komplettes Drumset und noch einiges mehr. Links und rechts neben dem Dirigenten Eivind Gullberg-Jensen, ja sogar vor ihm, waren Sets mit Percussionsinstrumenten aufgebaut, zwischen denen Gerassimez hin- und hereilte, wenn er mit seinen Schlägeln nicht gerade technische und rhythmische Kunststücke vollführte. Besonders bemerkenswert: Der 26-Jährige entfachte im Großen Sendesaal nicht nur ein wahres Trommelfeuer auf der Bühne. Er überzeugte auch mit klangschönem Spiel und leisen Tönen mit einem fast schon sakral wirkenden Röhrenglocken-Solo genauso mit einem innigen Solo für das Vibrafon. ‚Leben, Blut, Puls, Erregung, Reiz, Hitze, Energie‘ – diese Begriffe assoziiert der Komponist Lehmann-Horn mit der Farbe Rot, versuchte sie in seinem gleichnamigen Werk umzusetzen. Dass ihm das ästhetisch anspruchsvolll und zugleich wirkungsvoll gelang, mag auch daran liegen, dass er zeitgenössische Kompositionslehre und Filmmusik studierte. Fiebrige Bläser- und effektvolle Streichersounds verbanden sich mit anspruchsvoller Avantgardemusik zu so noch nicht gehörten, mitreißenden Klängen. (…) (Jutta Rinas, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2.3.2014)

NDR-Philharmonie schlägt kräftig zu - Begeisternde Uraufführung mit ‚Rot…‘

Schlagzeug-Power im NDR: Beim 6. Ring-A-Konzert der Radiophilharmonie war eine Uraufführung angesagt – und was für eine! ‚Rot…‘ hat Komponist Markus Lehmann-Horn sein Werk für Percussion und Orchester genannt, nach einer Farbe, die für die Liebe wie fürs Blut stehen kann. Entsprechend facettenreich ging es dann auch zu, und dass der ursprünglich vorgesehene Schlagwerkstar Martin Grubinger abgesagt hatte, erwies sich als verschmerzbar, denn der Kollege Alexej Gerassimez machte seine Sache ausgezeichnet. Die Komposition ist kein virtuoses Dauergewirbel, sondern lotet auch die leisen Töne und die melodischen Qualitäten der Percussion aus und bindet außerdem das Orchester gleichberechtigt in das Geschehen ein. Im ersten Teil klang es nach einer Art mutiertem Jazz, an der einen oder anderen Passage hätte hier Frank Zappa sicherlich seine Freude gehabt. Später wurde das musikalische Geschehen offener, und im Schlusspart durfte sich Gerassimez am Drumset kräftig austoben – zuvor hatte er eher Instrumente wie Vibra- und Xylophon oder auch die Röhrenglocken bespielt. Feine Sache das alles – und hoffentlich künftig noch öfter in den Konzertsälen zu hören. (…)
(Jörg Worat, NEUE PRESSE HANNOVER, 2. 3. 2014)