Detailinformationen
LEHMANN-HORN, Markus - Woyzeck 2.0 - Traumfalle. Kammeroper (2010-11) < zurück
Titel: Woyzeck 2.0 - Traumfalle. Kammeroper (2010-11)

nach der Erzählung "Suchbild Woyzeck" von Michael Schneider (Libretto: Markus Lehmann-Horn)


Dauer: abendfüllend (ca. 100')
Bestellnr.: Aufführungsmaterial leihweise
Markus Lehmann-Horn nach einer Novelle von Michael Schneider (Bühnenfassung der Novelle: Gerhilde Winbeck)
instr.: Sänger: Klara (lyr. Sopran), Georg (tiefer Bariton), 1 Mezzosopran, 1 Tenor, 2 Baritone, 1 Bass / Orchester: 1 (Altfl., Picc.),
Inhalt:

Klara ist eine erfolgreiche Theaterschauspielerin, die gerade die Marie aus dem „Woyzeck“ gespielt hat.  Zunächst nur im Briefkontakt begegnet sie dem Häftling Georg, der das Leiden der von ihr bewunderten  Bühnenfigur des „Woyzeck“ zu spiegeln scheint. Fasziniert und gerührt von der „Wahrhaftigkeit“  Georgs, der seine Frau im Affekt erstochen hat, wird Klara zur Grenzgängerin zwischen zwei Welten:  Dem Kunstraum der Bühne und dem Schauplatz einer modernen Haftanstalt. Mit der Besessenheit des  Traums inszeniert sie ihre Liebe, gibt sich der Illusion einer unbekannten Leidenschaft hin, verändert  sich und entfernt sich immer weiter von ihrer bisherigen Kunstwelt und deren Protagonisten. Aufgrund  Klaras Vehemenz beginnt sich das Verhältnis Opfer-Täter nahezu umzukehren. Als Georg kurze Zeit  später freikommt und Klara ihn bei sich aufnimmt, erkennt sie in einer albtraumhaften Nacht ihre  Illusion. Sie flüchtet – zurück in ihre Theaterwelt.


Beschreibung:

Woyzeck 2.0 ist ein musikalischer Psychothriller. Ein Horrortrip im Kopf einer Schauspielerin, die im Selbstmitleid versinkt, den Ausgang des Lebens nicht mehr findet und sich in Folge dessen in eine endlose Leidenschaftsspirale hineinsteigert, aus der sie nur durch den berühmten „reality check“ herausgeholt wird: der Mann ihrer süßesten Träume ist in Wirklichkeit der Mann ihrer schlimmsten Albträume.
Woyzeck 2.0 ist eine Oper über das Theater – ästhetisch und inhaltlich gesehen eine interessante Wechselwirkung. Theater ist komprimierte Wirklichkeit! Angst vor der Realität ist der Motor zur Flucht in Aussteigerphantasien, die als Möglichkeit der Konfliktlösung gelebt werden. Die Schauspielerin Klara baut ein Verhältnis zu einem Gefangenen auf, einem Mörder, einem „zweitbesten“ Woyzeck sozusagen. Aber das Verhältnis ist eine Illusion.
Mit kontrastreicher und emphatischer Musiksprache wird die Verweigerung eines sensiblen Menschen, zum Systemsklaven zu verkommen, deutlich. Wie oft wollen wir uns in unserem Beruf und Privatleben unsere Freiheit bewahren und stolpern dabei doch in mindestens eine Falle, in eine Traumfalle eben...?

(Alexander Medem, Regisseur der Uraufführung)


Rezension:

Aus den Kritiken der Uraufführung am 17. April 2012 in der Wiener Kammeroper durch die "Neue Oper Wien" unter der Leitung von Walter Kobéra:

Zeitgemäßer „Woyzeck“ als Psychothriller
Bejubelte Uraufführung der Oper „Woyzeck 2.0“

Der Schlussapplaus kommt am Anfang. Es folgt die Premierenfeier. Promis und Theaterkritiker trinken Sekt und unterhalten sich über die Schauspielerin Klara Sismondi, die soeben in Georg Büchners „Woyzeck“ brilliert hat. So hebt die Kammeroper „Woyzeck 2.0 – Traumfalle“ des jungen deutschen Komponisten Markus Lehmann-Horn an, ein Psychothriller nach der Novelle „Suchbild Woyzeck“ von Michael Schneider. Die Theaterrolle wird zur Wirklichkeit: Klara tritt in Briefkontakt zu einem Gefängnisinsassen, dem Frauenmörder Georg Mühl, in dem sie ein Abbild Woyzecks zu erkennen glaubt, und verliebt sich. Nicht in die reale Person, sondern in ein Traumbild. Die „Beziehung“ endet in einem Fiasko, Klara ergreift panisch die Flucht – zurück in die sichere Theaterwelt. Das Werk wurde in der Wiener Kammeroper uraufgeführt, in einer Produktion des Ensembles „Neue Oper Wien“. Nicht oft gelingt bei zeitgenössischem Musiktheater ein solch überzeugender Wurf. Die ausdrucksstarke Musik zitiert das Vorbild Alban Berg, die Handlung ist packend und abwechslungsreich, die Regie von Alexander Medem subtil. Am Beginn wie am Ende: stürmischer Beifall
(Harald Steiner, KLEINE ZEITUNG GRAZ, 19.04.2012)

Neuer Psychothriller
(…) „Woyzeck 2.0“ ist eine Oper über das Theater, über den Kraftakt, den jeder Schauspieler leisten muss – nämlich, seine Rollen von der eigenen Identität zu trennen. Ein 90-Minuten-Psychothriller, ein Horrortrip in die Gedanken- und Gefühlswelt der Schauspielerin – wobei Lehmann-Horn Alban Bergs „Wozzeck“ mehrmals zitiert. Die musikalisch auf Spannung und Emotionalität ausgerichtete Kammeroper – souverän und intensiv Walter Kobéra am Pult des amadeus ensemble wien – wurde von Alexander Medem in der Ausstattung Gilles Gubelmanns dicht und effektvoll in Szene gesetzt. Die Besetzung der Neuen Oper Wien in der Wiener Kammeroper lässt keine Wünsche offen: In den Hauptrollen begeistern Jennifer Davison als Klara und Johann Leutgeb als Georg. Von großer Bühnenpräsenz sind Wilhelm Spuller, Sebastian Huppmann, Celia Sotomayor, Tomasz Pitak und Michael J. Schwendinger.
(Florian Krenstetter, KRONENZEITUNG, 19.04.2012)

Die Liebe zum Frauenmörder
(…) Das Stück hatte am Dienstag in der Kammeroper seine Uraufführung. Walter Kobéra, rühriger Chef der Neuen Oper Wien, die im Haus nun auch ein Domizil gefunden hat, dirigierte das Amadeus Ensemble. Herausgekommen ist eine ansehnliche, gelungene, von Alexander Medem flott inszenierte Produktion. Die luftige, bläserdominierte Kammermusik behandelt die Singstimmen gut, ist mit Zwischenspielen und Ballungen dramaturgisch gut verteilt. Feinspitze können sich auf die Suche nach Zitaten von Alban Berg machen. Der Mörder Wozzeck stand aber nur der Geschichte Pate als Fortspinnung, musikalisch fand Lehmann-Horn seinen eigenen Weg. Die exaltierte Schauspielerin Klara (Jennifer Davison) wendet sich dem inhaftierten Frauenmörder Georg (Johann Leutgeb) zu. Als er freikommt, ist der Schock über die irregeleitete „Liebe“ groß. Zur atmosphärisch dichten Geschichte kommen fast kabarettistische Szenen aus dem Theaterbetrieb, für Kurzweil ist mit dem tadellosen siebenköpfigen Ensemble gesorgt.
(Ernst Strobl, SALZBURGER NACHRICHTEN, 19.04.2012)

Markus Lehmann-Horns Partitur basiert auf seiner eingehenden Auseinandersetzung mit Bergs "Wozzeck", die in komprimierter Form auch die ersten 30 Sekunden von "Woyzeck 2.0" ausmacht. Der 1977 geborene Komponist begann seine Karriere im Bereich der angewandten Musik und schreibt erst in jüngerer Vergangenheit zunehmend für den Konzertsaal. Bereits im Einführungsgespräch, das der Premiere vorausging, verriet er einen entspannt-undogmatischen Zugang zur Stilpluralität der Gegenwart. Dieser erwies sich auch in der Praxis: Lehmann-Horn kombiniert in "Woyzeck 2.0" zwanglos verschiedene musikalische Idiome - vom Berg-Zitaten über den Jazz bis hin zum absichtsvoll anachronistischen Dur-Dreiklang - und bedient sich zu illustrativen Zwecken gekonnt klangfarblicher Mittel, die vom amadeus ensemble wien eindrucksvoll umgesetzt wurden.
(Lena Drai?, WIENER ZEITUNG, 19.04.2012)

Uraufführung über eine unmögliche Liebe
Viel Applaus gab es nach der Uraufführung des mit dem Gerhard-Schedl-Musiktheaterpreis ausgezeichneten Werks. Der deutsche Komponist folgt mit seinem Libretto einer Novelle von Michael Schneider. Zum Inhalt: Klara hat gerade die Marie in Büchners „Woyzeck“ gespielt. Der Theaterbetrieb bietet ihr keine echte Heimat mehr, und so flüchtet sie sich in die Beziehung zu dem Häftling Georg. Bühne und Realität geraten zunehmend an- und ineinander. Aller Illusionen beraubt, erkennt Klara schlussendlich die Unmöglichkeit ihrer Liebe zu einem Mörder.
Lehmann-Horns durch viele Stile kaleidoskopartig schimmernde Musik ist atmosphärisch dicht gearbeitet, sinnlich und ansprechend instrumentiert. Die Besetzung ist großartig: Jennifer Davison als wunderschön tragische Klara, Johann Leutgeb als Furcht einflößender Georg. Dazu ein fünfköpfiges Theaterensemble und natürlich Walter Kobéra mit seinem eindringlich amadeus-ensemble wien.
(Marion Eigl, KURIER, 19.04.2012)

Scheiternde Briefliebschaft
(…) Das Ensemble singt auf hohem Niveau. Klara ist bei Jennifer Davison in glänzenden lyrischen Händen. Und Neue-Oper-Wien-Chef wie Dirigent Walter Kobera und sein Amadeus Ensemble vermitteln profund, dass Komponist Markus Lehmann-Horn für atmosphärisch tragfähige Musik gesorgt hat, die punktuell Sinnlichkeit und Komplexität vereint. Stark auch die Musik zu Kernszenen, jenen Momenten der Brieflektüre, die Lehmann-Horn zu Dialogen zwischen Klara und dem noch hinter Gittern schmachtenden Georg (solide Johann Leutgeb) verwoben hat. Auch das mit sich verkleinernden Rahmen arbeitende Bühnenbild von Gilles Gubelmann. Es war toll.
(Ljubisa Tošic, STANDARD, 19.04.2012)

"Woyzeck 2.0" in der Kammeroper begeistert
Zwischen pulsierender Atmosphäre und eruptierenden Ausbrüchen wechselnde Klänge bereiten den Weg für eine verklärte Liebe, die in der ernüchternden Klarheit eines Alptraums endet: Markus Lehmann-Horns Kammeroper berührt und bedrückt zugleich. Dabei hat sich der deutsche Komponist für sein Libretto bei Michael Schneider Novelle "Suchbild Woyzeck" bedient, in der sich die Wege der gefeierten Schauspielerin Klara (Jennifer Davison) und des verurteilten Mörders Georg (Johann Leutgeb) kreuzen. Sie, angewidert vom als oberflächlich karikierten Theaterbetrieb, findet Trost und Zuneigung in seinen Briefen, die aus einer dunklen Gefängniszelle mehr Echtheit und Relevanz auszudrücken scheinen als die lechzenden Worte von Regisseur und Kritikern. Als Marie in "Woyzeck" feiert Klara auf der Bühne Erfolge, nun ersinnt sie sich in Gedanken ihren eigenen Woyzeck - ein gebrochener Mann, aber zur Besserung bereit, wie es scheint. Während der Beginn mit Zitaten aus Alban Bergs "Wozzeck" in Kombination mit surrealen und slapstickartigen Momenten noch zum Schmunzeln anregt, verliert sich im Laufe der Zeit dieser leichtfüßige Tenor, setzt Regisseur Alexander Medem ganz auf fesselndes Psychospiel und greift für die eindrucksvollen Szenen allen voran auf das großartige Bühnenbild von Gilles Gubelmann zurück: Acht weiße, sich nach hinten verjüngende Rahmen umranden das Geschehen, zunächst noch parallel und in Balance, doch mit zunehmender Dringlichkeit der Verzehrung Klaras nach "ihrem" Woyzeck aus der Achse geratend. Diese Verschiebung der eigenen wie fremden Wahrnehmung unterstreicht Lehmann-Horn mit einem breiten Spektrum an aggressiven Tempi und effektvoller Percussion, gibt dabei seinen Sängern aber genügend Raum, um sich zu entfalten. Dabei glänzen vor allem Davison und Leutgeb in ihren Duetten, die damit Raum und Zeit überwinden. (...)
(KLEINE ZEITUNG ONLINE, 18.04.2012)

ERFOLGREICHE URAUFFÜHRUNG VON „WOYZECK 2.0“
Durchschlagender, großer Erfolg für die „Neue Oper Wien“ von Walter Kobera. Die Auftrags-Komposition des 35jährigen bayrischen Komponisten (und Film-Spezialisten) Markus Lehmann-Horn unter dem anspruchsvollen Titel „Woyzeck 2.0“ kommt beim Publikum gut an. (...) Die Regie des 30jährigen Österreichers mit chilenischen Wurzeln Alexander Medem in  Bühnenbildern des Schweizers Gilles Gubelmann ist modern, phantasievoll und kommt ohne „Mätzchen“ aus. Und die musikalische Dynamik  des Amadeus-Ensembles unter der Leitung von Walter Kobera kann sich auf eine exzellente Besetzung stützen, aus der vor allem die weibliche Hauptdarstellerin der Klara – Jennifer Davison – hervorragt. Sie sieht aus wie ein TV-Serienstar und singt phantastisch. (...)  Die Neue Oper unter Walter Kobera kann sich zur Stückwahl und professionellen Produktion gratulieren. Roland Geyer, der die Kammeroper in Zukunft nicht nur der Neuen Oper Wien anbieten will, kann auf einen mehr als ermutigenden Auftakt verweisen. Und was unterscheidet Wien von Paris, London oder New York – schon lange nicht nur die  Wiener Philharmoniker. Es ist die freie Opernszene Wiens, um  man uns in Berlin und Madrid, Rom und München beneidet. Mit Recht!
(eter Dusek, DER NEUE MERKER)

Die Musik wird oft von sphärischen (Streicher-)klängen bestimmt, die sich mal träumerisch, mal prägnant ironisierend oder bedrohlich hin und her wenden, denen ein Akkordeon einige ungewohntere Klangfarben hinzugesellt, von einem Schlagwerk oft deutlich kontrastiert. Die Singstimmen sind meist so entwickelt, dass man sie – wie der Komponist im Einführungsgespräch formulierte – ‚als Stimmen hören kann‘. Damit geht eine recht gute Textverständlichkeit einher. In wenigen Passagen wird dieser Grundsatz aufgegeben. (…) Hier kippt der Part gleichsam ins Hysterische. Es gibt natürlich Zitate von Alban Berg. Gleich am Beginn hat Lehmann-Horn mit einer ‚Woyzeck Explosion‘ allerhand davon übereinander geschichtet. Aber es ist nicht so, dass sich Verbindungen zu Bergs Oper dem Zuhörer aufdrängen würden. Sie ist keine epigonale ‚Zweitversion‘, sondern in der Instrumentation und Spielweise durchaus ‚modern‘ und eigenständig konzipiert.(Dominik Tröger, operinwien.at)