Detailinformationen
SCHMIDINGER, Helmut - Between thin slices... < zurück
Titel: Between thin slices...
Dauer: 15'

Auftragswerk der Württembergischen Philharmonie Reutlingen
Bestellnr.: Aufführungsmaterial leihweise
instr.: 2 Fl., 2 Ob., 2 Kl. in B, 2 Fg. - 4 Hrn., 3 Tr., 3 Pos., 1 Tb. - 4 Pk. (1 Spieler), Perk. (2 Spieler) - Str.
Beschreibung:

Der Titel „between thin slices“ (zwischen dünnen Scheiben) klingt kulinarisch, und tatsächlich zitiert Schmidinger in seiner Komposition das erste veröffentlichte Sandwichrezept der britischen Erzieherin Charlotte Mason: „Put some very thin slices of beef between thin slices of bread and butter“
Andererseits geht es aber auch um die heftig umstrittene „Sandwichposition“ zeitgenössischer Musik in klassischen Konzerten – verborgen zwischen bewährten „schön“ klingenden Werken aus Klassik oder Romantik. Diese oft beklagte „Degradierung“ der neuen Musik als Pflichtbeigabe sieht Schmidinger positiver: „Das Wesentliche beim Sandwich ist doch gerade das Dazwischen, die Einlage!“
Er verwendet Gedichtanfänge verschiedener Dichter als Ausgangspunkt für Zwischenspiele, die unterschiedliche Aspekte des „dazwischen“ thematisieren. Den fünf Sätzen liegen folgende Gedichtanfänge zugrunde: I „Zwischen dem Alten“ (Goethe), II „Zwischen Himmel und Erd, hoch in der Lüfte Meer“ (Schiller), III „Zwischen den Sternen, wie weit; und doch, um wievieles noch weiter“ (Rilke), IV „Zwischen Schlaf und Träumen“, (Bachmann) und schließlich V „Zwischen Felsen ein Block auf ein Loch gerollt“ (Ringelnatz). Schmidinger wählte die Incipits nach ihren Zugängen, Umgängen und Bedeutungen des Wortes „zwischen“.
Musikalisch beginnt jeder Satz mit einem kurzen Instrumentalsolo als Incipit, das in Rhythmus und Melodie einer imaginären Vertonung des Gedichtanfangs entspricht. (1. Satz Schlagwerk, 2. Satz Oboe, 3. Satz Triangel)


Rezension:

Klangeffekte, Spannungsmomente, virtuose Spieltechniken und sangliche Passagen in ein logisches kompositorisches Konzept eingebunden und in 15 Minuten Spielzeit verpackt: Helmut Schmidinger komponiert eindeutig für,  und nicht gegen das Publikum. Bei der Uraufführung seines Opus 100 "between thin slices" (Zwischen dünnen Scheiben), das die Württemgergische Philharmonie bei ihm in Auftrag gegeben hatte, begeisterte er mit seinem Konzept eine beinahe ausverkaufte Listhalle. (...) Nach polterndem Beginn bleibt ein Streicher-Tremolo stehen und sorgt für Spannung. Durch opponierende Instrumentengruppen wird eine nervöse Stimmung erzeugt. Der zweite Satz, dem ein Oboen-Vorspiel vorausgeht, bringt Kontrast. Aus der weichen tragenden Melodie entwickelt sich eine traumhafte Atomsphäre, die an die Naturbilder Wagners gemahnt, aber nicht ausufert. Der dritte Satz ist der selten und h ier hörbar zu Unrecht gescholtenen Triangel gewidmet. Schmidinger gelingt es durch kompositorische Stringenz, die ihm unter anderem das Prinzip der "Incipits" garantiert, niemals willkürlich oder aufdringlich zu wirken. Seine formalen und inhaltlichen Bezüge zur Musikgeschichte sind klug und bewusst gesetzt, geschickt mit seiner eigenen Tonsprache verquickt und in ein fantasievolles Konzept verwoben. Mit Schmidingers Opus 100 bot die Philharmonie einen absoluten Höhepunkt.
(SCHWÄBISCHES TAGBLATT 2. 2. 2012)

Schmidingers Auftragswerk verzichtet, etwa in der Instrumentenbehandlung, auf unkonventionelle Spielweisen und kommt im Orchestersatz bekennend traditionsverwurzelt daher. Viel Schlagwerk, Glissandi und keine Retroromantik – höchstens darin gibt sich Schmidinger als Zeitgenosse zu erkennen. Dass er im Titel ein altes Sandwichrezept zitiert und somit auf die umstrittene „Sandwichposition“ neuer Musik in klassischen Konzertprogrammen anspielt, ist nicht wirklich das Hauptthema des Werks. Eher der Umstand, dass er dieses „Dazwischen“ als das Wesentliche, das Besondere aufwertet. In fünf „Zwischenspielen“ bezieht er sich auf Zeilen von Goethe, Rilke, Schiller, Bachmann und Ringelnatz: Gedichtanfänge, die allesamt von „Zwischenreichen“ handeln, von Sphären zwischen Alt und Neu, Nah und Fern, Erde und Himmel, Schlaf und Traum. Ein reizvolles Thema, und Ola Rudner fächert bei der Uraufführung denn auch ein sehr kontrastreiches Szenario auf – aus zarten Orchesterfarben und eruptiven Schlagwerk-Passagen, aus schwebenden Solomelodien und schwerem Trommeldonner. Violine, Oboe, Flöte, Englischhorn, Fagott, Horn, Klarinette: Die Solisten der Philharmonie glänzen dabei mit berührenden Einzel-„Gesängen“. Von denen sei stellvertretend das Cello-Solo im vierten Intermezzo erwähnt – eine schwerelose, über Walzerrhythmen in höchste Höhen steigende Kantilene, die das Thema „Dazwischen“ ganz direkt in Glissandi übersetzt, in jenes stufenlose Gleiten von einer Tonhöhe zur anderen: Wobei neben Herkunft und Ziel auch das Gleiten an sich die Qualität darstellt – passend zu Ingeborg Bachmanns Zeile „Zwischen Schlaf und Träumen“.
Das jubilierende Violinsolo im ersten, das zarte Verklingen im zweiten, die „zwischen Himmel und Erde“ glitzernden Triangelklänge im dritten Intermezzo – das Orchester sendet unter Rudner, fernab jeder platten Tonmalerei, sehr vielschichtig schillernde, vibrierende Klangeindrücke aus diesen „Zwischenreichen“ ins höhere Bewusstsein. Kompliment: Faszinierend, farbenreich. Sehr  schön gemacht.
Otto Paul Burkhardt, REUTLINGER NACHRICHTEN, 2. 2. 2012)