Detailinformationen
OFENBAUER, Christian - Seitensicht / Nacht 2013 für symphonisches Blasorchester < zurück
Titel: Seitensicht / Nacht 2013 für symphonisches Blasorchester
Dauer: 9'
Bestellnr.: Aufführungsmaterial leihweise
Inhalt:

maximale Besetzung: 4 Flöten, 2 Piccoloflöten; 4 Oboen, 2 Englischhörner; 2 kl. Es-Klarinetten, 8 B-Klarinetten, 2 Bassetthörner, 2 Baßklarinetten, 2 Kontrabaßklarinetten; 2 Altsaxophone, 2 Tenorsaxophone, 2 Baritonsaxophone; 4 Fagotte, 2 Kontrafagotte; 4 Trompeten (mit je verschiedenen Dämpfern) / 2 Flügelhörner (ohne Dämpfer); 4 Hörner; 3 Posaunen (eventuell mit einheitlichen Dämpfern); 2 Euphonien; 2 Tuben (eventuell mit Dämpfer); 2 Schlagwerker (2 x je 6 Pauken; links und rechts am Podium aufgestellt); 4 Kontrabässe.


Beschreibung:

Die Idee, ein Stück für Jugendblasorchester zu schreiben, ist nicht einfach: Im Grunde steht sie quer zu meiner bisherigen kompositorischen Praxis. Aber sie war für mich reizvoll, denn die Beschränkun-gen (Besetzung, Spielbarkeit, Tonumfänge usw.), von denen ich zunächst dachte, daß sie meine Musik eigentlich unmöglich machen, haben sich im Nachhinein für diese Arbeit als ästhetikbestimmende erwiesen. Das war – und bleibt – für mich verblüffend und neu. Ich meine damit folgendes:
‚Einfach’ sollte an dieser Komposition, so sagten mir die Vorgaben, schlicht alles sein: Die Machbarkeit, die Spielbarkeit, die Klanglichkeit, die Lesbarkeit, die Organisierbarkeit in einer Auf-führung – und trotzdem sollte ein Stück ‚Neue Musik’ entstehen. Beim ersten Durchdenken der Ver-suchsanlage schien mir alles fraglich. Ist die Vorgabe nicht zu mächtig, um wirklich Neues entstehen zu lassen? Hintertreibt sie dadurch wesentlich den Anspruch auf eine bisher unerhörte Musik? Die Beschränkungen waren aber für diese kompositorische Arbeit geradezu ‚praktisch’, wenn nicht sogar hilfreich: Es kommt also keine Prolongation der Einschwingvorgänge in der Klangerzeugung vor – die mich in den letzten Jahrzehnten als Komponist so sehr interessierten – , kein aufgerauhter Klang, keine Spieltechniken des 20. Jahrhunderts, keine feinere Oktavteilung durch Viertel- oder Achteltöne (wie sie bei mir seit langer Zeit üblich ist). Das Stück war damit auf ein ziemlich altertümliches Konzept verpflichtet: Tonhöhenmusik im Sinne der gleichschwebend-temperierten Stimmung.
Die nächste Entscheidung in der Gestaltungskette betraf die Frage nach Statik und Entwick-lung. In den Streichquartettsätzen 1997-2011 hatte ich mitunter, d.h. nicht in allen der sechs Kom-positionen, extrem langsame Entwicklungen ausprobiert, so langsame, daß sie manch Hörer nur ‚überhören’ konnte – und deshalb wurde deren Präsenz in der Rezeption dieser Kompositionen oft nicht erkannt. Ich hatte also einige Erfahrung, wie man solche spezifischen Schieflagen kompositorisch inszeniert. Bei diesen Konzepten ist indes ein bestimmtes Notationsproblem vorprogrammiert: Im Grunde muß entschieden werden, ob man eine Partitur als Regulationsinstrument oder einen Stimmensatz als Aufführungsmaterial formuliert, wie es John Cage sehr oft machte. Normalerweise wird diese Frage von der Präsenz einer Partitur oder eines Stimmensatzes geregelt: Das eine steht meist für ein dynamisches, das andere für ein statisches Konzept. (Ich bin sehr stolz darauf, daß im Zweiten Streichquartettsatz 2008 – eine Arbeit, die nur als Stimmensatz vorliegt – eine spezifische ‚Entwicklung’ nicht zu leugnen ist.) In bezug auf Seitensicht/Nacht 2013 war mir sehr bald klar, daß ich eine statische Lösung vorziehe. In diesem Zusammenhang ist die Länge eines Stücks, ich nenne es sein Format, in den letzten Jahren für mich bedeutend geworden: Früher dehnte ich solche mu-sikalischen Zustände endlos aus (z.B. for martha keller 2001, ein Holzbläserquintett), in der Hoffnung, daß ihr weit über dem normalen Format liegendes ‚Dauern’ mir etwas über die Intensität der musikalischen Ereignisse selbst sagen könnte. Heute, als erfahrener Komponist, reichen mir kürzere Zeitstrecken für diese Konzepte (z.B. Sechster Streichquartettsatz 2011, sieben Minuten). Und so sind die neun Minuten von Seitensicht/Nacht 2013 geradezu ideal: Sie sind im Verhältnis von Auffüh-rungsdauer und internem Geschehen in Balance. [Ob das so bleiben wird, weiß ich noch nicht: Viel-leicht werden die statisch organisierten Stücke bei mir in Zukunft noch kürzer; wobei die Fragen – Wie kurz? Und: Ab welcher Kürze läßt sich die Frage nach einem stimmigen Format nicht mehr stellen? – naturgemäß interessant bleiben.]
Ich wußte also zu diesem Zeitpunkt des Ausarbeitungsprozesses bereits viel über meine Komposition: Zumindest die Aufführungsdauer und die Rahmenbedingungen in bezug auf die Tonhöhen waren festgelegt. Aber wie notiert man das? Eine Partitur war für dieses Stück nicht nötig, denn es sollte hier ja keine Entwicklungen geben, die man durch eine Partitur kontrollieren müßte. Auch die von mir oben beschriebenen ‚unterschwelligen Entwicklungen’ sollten hier kein Thema sein; die Arbeit ist wirklich statisch. Ich entschloß mich also, jedem Musiker ein Blatt mit Notationen vorzulegen, die aber in einer Aufführung immer noch genügend Unwägbarkeiten hinsichtlich des realen Klangresultates beinhalten, sodaß selbst ich von jeder Aufführung noch genügend überrascht sein könnte. Es ist wirklich so: Auch ich weiß nicht, welche Konstellationen im Laufe einer Aufführung konkret erscheinen werden. Sie werden sich in einer Reihe verschiedener Aufführungen im Detail voneinander unterscheiden. Aber dennoch kann ich einen ‚Fehler’, d.h. ein Fehlverhalten der Musiker in einer Aufführung, erkennen. Es gibt also eine Art ‚unterschwellige’ Kontrolle, die aber nicht im Vordergrund steht: Ich vertraue auch hier auf die Eigenverantwortung der Musikanten. Jeder von ihnen hat ein handschriftlich verfaßtes Blatt (ich arbeite nie mit Notationsprogrammen) in der Größe A2 vor sich; auf ihm sind zwölf Zeilen zu je zehn 4/8-Takte notiert (120 Takte). Die Größe dieser Blätter ergibt sich aus der Idee, daß jeder Instrumentalist nur ein Blatt vor sich haben sollte und daß die Komposition eine Dauer von ungefähr neun Minuten aufweist. Das Tempo wurde mit Achtel = 54-66, je nach den Fähigkeiten der Jugendblasorchester, festgelegt. Jede Stimme hat, individuell am Blatt graphisch angeordnet, ca. 40 Pausentakte: Es handelt sich dabei um eine von zwei Ebenen, welche hier die Dichtigkeitsverhältnisse regulieren. Die einzelnen Ereignisse sind zudem in einer postseriellen Erscheinungsweise formuliert: Seitensicht/Nacht 2013 verfügt über keine ‚Hauptstimmen’ und besteht aus untereinander vereinzelten Gestalten aus kurzen bis langen Tönen sowie aus unterschiedlich schnellen und unterschiedlich langen aufwärts steigenden Linien. Dadurch, daß die Erscheinungen in ihrer Abfolge immer durch mehr oder weniger kurze Pausen von einander separiert werden, soll nie der Eindruck einer durchgehenden ‚Melodie’ entstehen – Melodien zu komponieren, interessiert mich schon seit langer Zeit nicht mehr.
Die 21 Stimmen wurden für folgende Instrumente ausnotiert: Flöte, Piccoloflöte; Oboe, Eng-lischhorn in F; Klarinette in B, kl. Klarinette in Es, Bassetthorn in F, Baßklarinette in B, Kontrabaß-klarinette in B; Altsaxophon in Es, Tenorsaxophon in B, Baritonsaxophon in Es; Fagott, Kontrafagott; Horn in F; Trompete/Flügelhorn in B; Posaune; Euphonium in B; Tuba; Pauken (3 x 2 Stück; ein Spie-ler); Kontrabaß. Jeder Instrumentalist wählt einen der 120 Takte als Anfangstakt aus, spielt auf der betreffenden Zeile von links nach rechts und – Zeile für Zeile – von oben nach unten. Ist er am letzten Takt rechts unten angelangt, dann ist zum ersten Takt links oben zu springen und bis zum Takt vor dem Anfangstakt weiterzuspielen. Kein Takt darf ausgelassen oder wiederholt werden.
Die zweite Ebene, auf der allgemein Dichtigkeitsverhältnisse in dieser Komposition organisiert werden, betrifft die Anzahl der mitspielenden Instrumente: Seitensicht/Nacht 2013 kann von 63 Instrumenten (Maximalbesetzung) gespielt werden; mindestens müssen aber 24 Instrumente bei einer Aufführung beteiligt sein. Je größer die Besetzung ist, desto wahrscheinlicher wird es, daß mehrere Instrumente aus einer Stimme spielen müssen (Flöten, Oboen, Klarinetten, Trompeten etc.). In diesen Fällen sollten die jeweiligen Anfangstakte drei bis fünf Takte von einander entfernt sein: Eine Art ‚Kanonwirkung’ innerhalb einer Instrumentengruppe ist von meiner Seite her nicht erwünscht. In der Legende zu dieser Komposition schrieb ich damals, mit Blick auf die Realisierbarkeit durch Jugendblasorchester: „Die Minimalbesetzung richtet sich hauptsächlich nach den Beset-zungsmöglichkeiten der aufführenden Ensembles, jedoch sollten die Instrumente so ausgewählt werden, daß im Orchester alle Satzzonen vertreten sind.“ Das möchte ich heute revidieren, denn ich stelle mir vor, daß eine Musikschule in einzelnen Instrumentengruppen vielleicht einen Überhang an Schülern hat und es gibt wirklich wenig Stücke, die z.B. zehn Flöten, zehn B-Klarinetten und vier Hörner beschäftigen. Ich will damit andeuten, daß Seitensicht/Nacht 2013 für mich als Komponist auch dann interessant bleibt, wenn einzelne Instrumente über Gebühr vertreten sind, im Baß- wie im Diskantbereich. Um zu verdeutlichen, was ich genau damit meine, gebe ich ein – im Bereich der Blasmusikvereine und der Musikschulen zugegebenermaßen unwahrscheinliches – Beispiel: 6 Piccoloflöten, 2 Flöten, 3 Oboen, 1 kl. Es-Klarinette, 7 B-Klarinetten, 2 Baritonsaxophone, 2 Hörner, 1 Flügelhorn. Das ist die Minimalanforderung: 24 Instrumente. Wenn sich im Nachbardorf ein Tubist oder Posaunist findet, der von einer Aufführungsmöglichkeit gehört hat und mitspielen möchte, dann soll er das getrost tun: Ich habe nichts dagegen. Deshalb ist es notwenig, dem Verlag (www.doblinger-musikverlag.at) eine genaue Besetzungsliste (wie viele Instrumente in welchen der 21 Stimmen) anzugeben, damit ein individueller Stimmensatz erstellt werden kann.
Die von mir in der Legende angegebene Maximalbesetzung entspricht der größtmöglichsten Besetzung der ‚Bläserphilharmonie’ der Universität Mozarteum Salzburg: 4 Flöten, 2 Piccoloflöten; 4 Oboen, 2 Englischhörner; 2 kl. Es-Klarinetten, 8 B-Klarinetten, 2 Bassetthörner, 2 Baßklarinetten, 2 Kontrabaßklarinetten; 2 Altsaxophone, 2 Tenorsaxophone, 2 Baritonsaxophone; 4 Fagotte, 2 Kont-rafagotte; 4 Trompeten (mit je verschiedenen Dämpfern) / 2 Flügelhörner (ohne Dämpfer); 4 Hörner; 3 Posaunen (eventuell mit einheitlichen Dämpfern); 2 Euphonien; 2 Tuben (eventuell mit Dämpfer); 2 Schlagwerker (2 x je 6 Pauken; links und rechts am Podium aufgestellt); 4 Kontrabässe.

(Christian Ofenbauer)